Die Künstlerin

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„Künstler ist, wer das Kind in sich gerettet hat“

Rotraut wird 1938 als Rotraut Uecker auf der Ostsee-Halbinsel Rerik geboren. Sie wächst mit ihren älteren Geschwistern Günther und Erika auf dem Land auf. Am Meer und im Wald fühlt sie sich sicher und empfindet eine große Verbundenheit zu Mutter Erde, die sie ernährt, und zur Harmonie und Kraft der Natur. Sie verspürt das Bedürfnis, diesen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

[…] Die Natur: Das ist das Wichtigste. Sie ist meine Quelle, aus ihr schöpfe ich Energie. Ich kommuniziere mit ihr. […] letztendlich war die Natur für die Menschen immer ein Ort der feinen Wahrnehmung und der Intuition.“

Auch nach einer Zwangsumsiedlung in ein kleines Fischerdorf nordöstlich von Hamburg hilft Rotraut ihrem Vater bei der Feldarbeit und versucht nach Kräften, ihren Bruder zu ersetzen, der nach Düsseldorf gegangen war. Sie liebt die Arbeit mit den Händen und die Bearbeitung von Material.

Als 17jährige folgt Rotraut ihrem Bruder in die Stadt, wo sie sich zunächst verloren fühlt. Sie schafft sich ihre eigene Welt aus Sehnsucht und Erinnerung und beginnt mit Reliefs zu experimentieren. Zwei Jahre später schickt Günther Rotraut als Kindermädchen zu seinem Künstler-Freund Arman nach Nizza, um sie gut aufgehoben zu wissen. Hier lernt sie Yves Klein kennen und lieben.

Rotraut wird Yves Muse und Modell für seine Anthropometrien. Er bestärkt sie in ihrer Arbeit, reißt sie mit. Rotraut ist energiegeladen und aufgewühlt, experimentiert mit Materialien, Techniken und Farben. Verschiedene Stile und Materialien erschließt sie sich „naiv“, spielerisch, erfühlend und spirituell, mit jungfräulichem Geist und Intuition. Es entstehen Reliefs, Abdrücke und Tuschebilder.

„Über das, was ich mache, lerne ich mich selbst kennen“

Sie beginnt mit ihrer Serie „Vols de sensibilité“, in der sie klassische Gemälde an eine Wand projiziert, mit ihnen in Dialog tritt und sie in ihrem eigenen Stil nachempfindet und verfremdet. Es ist ihre Art, sich Kunstgeschichte zu erschließen.

Die Leute sagten zu mir ‚Goethe muss man gelesen haben…‘ Aber Goethe hat selbst auch nicht Goethe gelesen…

1962 heiratet Rotraut Yves Klein, der kurz darauf verstirbt. Nach der Geburt ihres Sohnes und einigen Monaten Pause, nimmt Rotraut ihre künstlerische Tätigkeit wieder auf, um die Stille zu überwinden und ihre Verbindung mit dem Kosmos zu vertiefen. Sie malt Himmelsflächen mit Sternen, Nebelschwaden, Monde und Sonnen.

„Schmerz kann man hinter sich lassen. Man muss das Eis brechen. Und wieder ins Leben zurückkehren, […] Bei mir wechseln kreative Phasen immer mit Ruhephasen. Diese Unterbrechungen machen manchmal Angst: Man denkt dann, es kommt nichts, es kommt vielleicht nie mehr etwas, und diese Angst, diese Beklemmung, wirft dann den Motor wieder an.

1968 heiratet Rotraut Daniel Moquay und zieht mit ihm nach Ibiza. Die beiden bekommen zwei Söhne und eine Tochter. Es entstehen viele Werke mit Mond oder Sonne, deren Leuchtkraft im Wechselspiel mit tiefer Finsternis steht. Die Serie „Eclipses“ spielt mit Gegenwart und Abwesenheit, Verbergen und Enthüllen, Sichtbarem und Unsichtbarem, Materiellem und Immateriellem. 1975 zieht die Familie nach Goussonville bei Paris.

1982 erschließt sich Rotraut einen zweiten Wohn- und Schaffensort in Phoenix, Arizona. Die Weite der Landschaft, die Felsformationen im Monument Valley und die sternenklaren Nächte führen zu einer weiteren Entwicklung in ihrer Kunst. Die Serie „Galaxies“ entsteht fast komplett im Jahr 1987.

Wenn ich den Himmel und die Sterne male, empfinde ich Frieden.

In dem Schwarz steckt das Licht. […]. Meine Werke entstehen aus diesem Schwarz, aus der reflektierten Energie, der Energie aus dem Kosmos.

Mit ihren „Jardins“ beginnt sich Rotrauts Werk langsam aus der Ebene zu lösen. 1984 schafft sie mit ihren ersten Skulpturen eine Verbindung zwischen ihrer Erdverbundenheit und dem Himmelsgewölbe. Sie sind schwer im Gewicht, aber leicht in der Form, wie eine eingefrorene Bewegung, voller Energie.

„Meine Skulpturen […] sind Teil der Erdbewegung, der Bodenwellen, die durch mich hindurchgehen und sich über meine Kunstwerke ausbreiten.“

Rotraut hat ihre künstlerische Reife erreicht und ihre eigene Sprache und Handschrift gefunden. Ihr Dialog mit der Unendlichkeit des Universums hat eine neue Dimension erreicht. Ihre Werke werden weltweit ausgestellt. 2003 folgt die Gemäldeserie „Coers“. Das erste Herz 2002 hat einen deutschen Titel: „Hoch soll die Liebe leben“. Mit ihren „Kites“   findet sie schließlich zu glücklicher Sicherheit und heiterer Gelassenheit.

Ich bin jetzt ganz nah an dem, was immer in mir war, diesem Seelenzustand, den ich seit meiner frühesten Kindheit im Gedächtnis bewahrt habe. Die Gemälde sind wirklicher für mich als mein Bild im Spiegel.

Ausstellungsorte

erste eigene Ausstellung in London (Großbritannien): „Relief Pictural 1959 – Rotraut“
USA: Carefree, Chicago, Coral Springs, La Jolla, Los Angeles, Lutherville, Miami, Middletown, New York, Phoenix, Palm Desert, San Francisco, Scottsdale, Tempe, Tucson, West Palm Beach
Frankreich: Auxerre, Bordeaux, Chilleurs-aux-Bois, Les Arcs sur Argens, Montrouge, L’Isle-sur-la-Sorgue, Nizza, Paris, Saint-Étienne, Saint-Paul de Vence
Deutschland: Bayreuth, Feldkirchen, Hamburg, Hannover, Kaarst, Köln, Krefeld
Schweiz: Basel, Lugano, St. Moritz, Zürich
Spanien: Barcelona, Ibiza, Madrid
Japan: Akita, Kobe, Tokio
Belgien: Antwerpen, Knokke-Heist
Italien: Genua, Venedig
weitere: Amsterdam (Niederlande), Mexiko-Stadt (Mexiko), Monte- Carlo (Monaco), Montréal (Kanada), Thessaloniki (Griechenland), Sydney (Australien)

zusammengefasst und zitiert aus:
ROTRAUT. 2014.
Text: Michèle Gazier.
deutsch/englisch. 224 Seiten.
Èditions Dilecta, Paris, Frankreich

zur Website der Künstlerin

 


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